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    Takeover: Gib deiner Geschichte die richtige Stimme

    May 3, 2018

May 3, 2018

Takeover: Gib deiner Geschichte die richtige Stimme

Wie du die richtige Stimme findest

Du hast die ultimative Prämisse deiner Geschichte gefunden, hast sie geplottet und bist startklar, endlich mit dem Schreiben los zu legen, aber dann schreibst du den ersten Satz und weißt nicht, aus welcher Perspektive du überhaupt schreiben sollst. Deiner Geschichte fehlt die richtige Stimme, um erzählt zu werden. Wie kannst du die nun am besten finden?

 

Du bist schon einmal nicht der Protagonist!

Letzte Woche hat dir Manuel bereits einen Einblick in die Ich-Erzählung gegeben und dir erzählt, wann dein Ich-Erzähler erklären kann und wann er es besser lassen sollte. Heute soll es vor allem um die verschiedenen Perspektiven und ihre Möglichkeiten gehen, weshalb ich vorne weg eines klarstellen möchte: Du bist nicht der Protagonist! Du bist der Autor, der den Text verfasst. Du kommst absolut gar nicht zu Wort. Diese ominöse Person, die mit den Lesern kommuniziert, ist der Erzähler. Egal, was du für einen Text verfasst und aus welcher Perspektive du ihn verfasst, du erfindest grundsätzlich immer eine Erzählerfigur (und diese Erzählerfigur erklärt dir gerade, dass du nicht der Protagonist deiner Geschichte oder deines Textes bist). Sogar wenn du ein autobiografisches Werk verfasst, in dem der Protagonist deinen Namen trägt, hast du einen Erzähler erfunden, der für dich das Erzählen übernimmt. Wenn du jetzt zum Beispiel an den Deutschunterricht in der Schule zurück denkst, fallen dir bestimmt hunderte von Unterrichtsstunden ein, die du mit dem Analysieren von Gedichten zugebracht hast. Bei Gedichten funktioniert das nämlich ähnlich, wie bei Prosatexten. Du analysierst, wie sich das lyrische Ich verhält und welche Stilmittel dafür verwendet wurden. Du analysierst nicht die eigentlichen Ansichten, die der Dichter ausdrücken möchte. Wenn du nun Prosatexte analysierst, untersuchst du den Erzähler und wie er die Figuren darstellt – und findest prinzipiell all das heraus, was du als Autor bei der Wahl deines Erzählers berücksichtigst.
Deine Aufgabe als Autor ist es also nur noch, das zu schreiben, was der Erzähler erzählen soll. Du gibst ihm eine Stimme. Du bist quasi das Mikrofon, durch das er spricht. Aber wie machst du das nun?

 

Ich ist nicht gleich Ich

Grundsätzlich unterscheidest du zwischen zwei Erzählformen: der Ich-Erzählung und der Er-/Sie-Erzählung.
In der Ich-Erzählung tritt dein Erzähler unmittelbar in Erscheinung und greift dabei meistens auf das Personalpronomen der 1. Person Singular zurück. Er ist direkt in das Geschehen mit eingebunden und ein Teil der Geschichte. Dabei wird wieder zwischen zwei Erscheinungsformen unterschieden: dem erlebendem und erzählendem Ich, die sich in der Ich-Erzählung vereinen. Das erzählende Ich meint dabei das Ich, das die Geschichte erzählt und kommentiert. Das, was die tiefsten Gefühle und Gedanken beschreibt. Das erlebende Ich hingegen meint das Ich, das in der Geschichte vorkommt. Das sich in diesem Moment dazu entschließt, in den dunklen Keller zu gehen, weil es da irgendein Geräusch gehört hat.
In der Er-/Sie-Erzählung hingegen, greift der Erzähler auf die Personalpronomen der 3. Person Singular zurück. Anstatt ein Teil der Geschichte zu sein, bleibt er eher im Verborgenen und lässt den Figuren den Vortritt, deren Geschichte er erzählt.

 

Wie sich dein Erzähler verhält

Das Verhalten deines Erzählers ist vermutlich das Schwierigste, das du analysieren kannst, weil du es als Autor quasi unterbewusst wählst. Das Heimtückische dabei ist einfach, dass sich das Erzählverhalten im Laufe deiner Geschichte permanent ändert. Tja, aber was hat es jetzt damit auf sich?
Es gibt drei unterschiedliche Verhaltensweisen, die dein Erzähler einnehmen kann. Dabei wird zwischen dem auktorialen, dem personalen und dem neutralen Erzählen unterschieden.
Wenn sich dein Erzähler auktorial verhält, tritt er deutlich in Erscheinung, in dem er die Handlungen der Figuren kommentiert, Vorausdeutungen auf den weiteren Verlauf der Geschichte macht oder zwischen verschiedenen Handlungsorten oder auch der Zeit hin und her springt. Dem auktorialen Erzähler wird deshalb auch oft nachgesagt, dass er beinahe göttlich sei, weil er jeden Handlungsverlauf und jeden Gedanken der Figuren kennt.
Im Gegensatz zum auktorialen Erzähler hat der personale Erzähler nur eine eingeschränkte Sicht auf die Geschichte, meist aus dem Blickwinkel einer Figur heraus. Der Erzähler kennt dann nur die Gedanken und Gefühle, die diese eine Person hat. Er ist demnach nicht allwissend und hält sich zurück, wertet die Handlungen nicht, sondern beschreibt sie nur aus der Perspektive dieser einen Figur. Wenn du dich für dieses Erzählverhalten entscheidest, kannst du natürlich aus unterschiedlichen Perspektiven erzählen. Du könntest die Geschichte zum Beispiel aus zwei Sichten beschreiben, sodass der Leser weiß, was die Figuren voneinander denken, die Figuren aber wie bei einer Tragödie, ihrem Schicksal entgegen laufen. Der Leser nimmt die Geschichte dann nur aus der Sicht der Figur wahr, ohne von den wertenden Eindrücken des Erzählers gesteuert zu werden.
And, last but not least: das neutrale Erzählen. Das ist vergleichbar mit einer Filmaufnahme. Der Leser bekommt lediglich die Handlungen beschrieben, ohne, dass auf die Gefühle der Figuren oder deren Gedanken eingegangen wird. Es wird nichts gewertet oder kommentiert, weshalb das neutrale Erzählen oft als unpersönlich gilt. Der Erzähler zieht sich aus der Figurenwelt zurück. In Texten, in denen neutral erzählt wird, wird deshalb oft auf Dialoge (z.B. in Dramen) oder innere Monologe zurückgegriffen.
Wie bereits oben erwähnt kann sich das Erzählverhalten deines Erzählers ändern. Ist dein Ich-Erzähler zum Beispiel nur Zuschauer eines Überfalls, erzählt er neutral, was passiert. Erzählt dein Ich-Erzähler eine Rückblende, ist er in diesem Moment allwissend und kann schon vorher auflösen, was mit den Figuren am Ende geschieht.

 

Wo der Platz deines Erzählers ist

Je nach dem, was für einen Erzähler oder welches Erzählverhalten du wählst, befindet sich auch der Platz deines Erzählers. Es ist wichtig zu wissen, ob dein Erzähler innerhalb der erzählten Welt sitzt oder außerhalb.
Befindet sich dein Erzähler innerhalb der Geschichte, rückt der Erzähler unmittelbar näher an das Geschehen heran. Oftmals verfügt er dann nur noch über eine eingeschränkte Perspektive auf die Handlungen und die Figuren. Wenn du also möchtest, dass dein Erzähler ein Teil deiner Geschichte ist, solltest du auf einen personalen Erzählstil zurückgreifen.
Möchtest du hingegen deinem Erzähler eine beinahe schon eine göttliche Funktion zukommen lassen, platzierst du ihn außerhalb der erzählten Welt. Dein Erzähler bewahrt dadurch eine gewisse Distanz zum Geschehen, wodurch es für ihn möglich ist, sich einen Überblick über die Handlung zu verschaffen und ein umfassendes Wissen über die Figuren aufzubauen, wodurch Kommentare oder Wertungen möglich werden. Wenn du deinen Erzähler also außerhalb deiner Geschichte platzierst, solltest du auf das auktoriale Erzählverhalten zurückgreifen. Oftmals spricht man dann auch vom allwissenden oder olympischen Erzähler.

 

Wie deine Figuren trotzdem sprechen können

Zu guter Letzt verrate ich dir noch einige kleine Tricks, mit denen deine Figuren trotz eines auktorialen Erzählers oder der eingeschränkten Perspektive des personalen Erzählens zu Wort kommen können. 
Dies kann zum Beispiel durch die Personenrede erfolgen, in der alle Äußerungen, Gedanken oder Empfindungen einer Figur wiedergegeben werden, zum Beispiel durch eine direkte, wörtliche Rede in einem Dialog, wenn der Freund deiner Protagonistin zum Beispiel sagt, dass er Schluss machen will, weil er genervt von ihrer Kakteensammlung ist, für die sie mehr Liebe empfindet, als für ihn.
Die Gedanken und Gefühle einer Figur können darüber hinaus in Form eines inneren Monologs ausgedrückt werden. Dieser wird in der 1. Person Singular  im Präsens verfasst und kann genauso unstrukturiert sein, wie es menschliche Gedanken eben sind. Der innere Monolog wird ohne Anführungszeichen wiedergegeben. Du kannst natürlich auch auf einen direkten Monolog zurückgreifen, indem du, zum Beispiel wie bei einem Drama, die Figuren seitenlang ihre Gedanken und Gefühle wiedergeben lässt. In diesem Falle setzt du aber Anführungszeichen.
Aber egal, welche Stimme du deinem Erzähler letztendlich verleihst, wichtig ist, dass du Spaß beim Schreiben hast. Einigen Autoren liegt zum Beispiel die Er-/Sie-Erzählung besser als die Ich-Perspektive oder sie kommen mit einem auktorialen Erzähler besser klar als mit dem personalen. Also, wenn du das nächste Mal ein Buch oder sogar deine eigene Geschichte liest, kannst du ja mal den Erzähler beobachten. Wie verhält er sich? Was sagt er und was gibt er preis?  

 

Dieser Post im #sweekkeeperblog kommt von eurem SweekKeeper Viktoria @ViktoriaChristians. Sie schreibt gerne Young Adult und Fantasy.

Du hast die Ankündigung des SweekKeeper Takeovers verpasst? Schau hier vorbei, um einen Überblick über die Autoren und die Themen zu bekommen!

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