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    Takeover: Der Anfang deines Romans

    October 12, 2018

October 12, 2018

Takeover: Der Anfang deines Romans

Mit einem lauten Piepen riss der Wecker Mia aus ihrem Schlaf. Murrend tastete sie
nach der Schlummertaste und legte sich das Kissen über ihr Gesicht, weil ihr das
Sonnenlicht, das unter ihren Vorhängen hindurchschien, in den Augen wehtat. Ihr
Bett stand gegenüber dem Fenster in einer kleinen Nische, an der Wand spannte
eine Lichterkette, die ihre Mom unbedingt hatte anbringen wollen. »Das ist doch
genau das, was Mädchen in deinem Alter toll finden, nicht, Süße?«, hatte sie gesagt
und Mia hatte es zähneknirschend hingenommen. So war sie eben, weil sie es nicht
mochte, wenn sie den enttäuschten Gesichtsausdruck ihrer Mutter sah. Plötzlich fing
der Wecker wieder an zu klingeln. Waren die fünf Minuten wirklich schon rum…?

Jetzt mal ehrlich. Würdest du ein Buch, das so anfängt, weiter lesen wollen?
Vermutlich hätte ich der Geschichte noch bis Kapitel zwei eine Chance gegeben –
aber es dann zur Seite gelegt. Warum? Weil schon der Anfang des Romans nicht
fesselnd ist. Und wenn der Anfang schon kein richtiger Eye-Catcher ist, muss der
Plot umso beeindruckender und mitreißender sein.

Was kann ich denn beim Anfang falsch machen?

Für gewöhnlich gibt es zwei Arten von Jungautoren, wenn sie gerade ihre erste
Geschichte schreiben, ohne vorher jemals einen Schreibratgeber gelesen oder sich
über Schreibtechniken informiert zu haben.
Es gibt die, die ihre Figuren mit der klassischen Wecker-Szene aufstehen lassen.
Dann drücken die Protas (wie in dem obigen Beispiel) auf die Schlummer-Taste,
legen sich murrend zurück in die Kissen und springen dann alarmiert aus dem Bett,
weil sie sonst den Bus verpassen. Im Bus erfolgt dann meistens eine klassische Ich-
bin-Vorstellung, gefolgt von der Entlarvung als Schulfreak, die in etwa so abläuft:

Wenn du dich jetzt fragst wer ich bin, mein Name ist Mia Meyer, ich bin 16 Jahre alt
und habe blonde, etwa schulterlange Haare. Meistens trage ich Kontaktlinsen, aber
heute trage ich meine Brille, weil ich keine Zeit mehr hatte, deshalb starren mich alle
auch so an. Vielleicht starren sie aber auch, weil ich der Freak der Schule bin.

Dann gibt es noch die, die notgedrungen Spannung erzeugen wollen. Ich nenne
diese Szenen immer liebevoll die Catch me, if you can – Szenen. Meistens wird vor
dem eigentlichen Anfang der Geschichte (der dann meistens die Wecker-Szene ist),
ein Prolog geheftet, in dem jemand verfolgt wird. Das ist doch spannend! – Ähm nee,
ist es leider nicht, weil man das schon überall irgendwo gelesen hat. In besonders
schlimmen Fällen kommt dann auch noch ein typischer Wetterbericht dazu:

Über den Wipfeln der Tannen lag ein nebeliger Dunst, durch den sich das Mondlicht
brach und den taufeuchten Farn erhellte, der den matschigen Pfad säumte. Ein kalter
Wind wehte, der sich mit dem Rascheln der Blätter vermischte. Unter das Rascheln
mischte sich das Getrappel eiliger Schritte. In dem silbrigen Mondschein löste sich
ein Schatten aus dem Schutz der Bäume, seine Stiefel versanken in dem Matsch des
Weges, sodass das Schmatzen der Schuhe den Schatten verriet.
»Da läuft er!«, hörte er die wütenden Rufe der Ritter hinter sich. Er konnte spüren,
wie der Boden unter den Hufen der Pferde bebte und wie die Ritter mit ihren Pfeilen
auf ihn zielten…

Dies ist vielleicht ein klassischer Anfang eines Fantasy-Romans und so spannend
der Prolog in diesem Falle anfangs vielleicht auch klingt, so erfüllt er jegliche
Klischees, die Fantasy-Romanen nachgesagt werden. Dabei geht es hier nicht um
die Verfolgungsjagd an sich (an einer anderen Stelle des Romans oder als
Vorhersehung am Anfang mag das eine sehr gut gewählte Szene sein!), sondern um
die Tatsache, dass dieser Romanafang inzwischen ziemlich ausgelutscht ist.
Genauso wie die Wecker-Szene. Wenn du deine Leser schon auf der ersten Seite
fesseln willst, dann solltest du auf jeden Fall die Finger von diesen Anfängen lassen.
Allerdings geht es nicht nur um den ersten Satz oder die erste Seite. Es geht auch
um den Verlauf der Szene. Bombardiere deine Leser nicht sofort mit einem Schwall
an Informationen (auch Infodump genannt), sondern baue sie geschickt mit ein.
Wenn du schon auf Seite drei die kompletten Familienverhältnisse aufgezählt hast,
kannst du von Glück reden, wenn jemand noch bis Seite fünf weiter liest. Diese
Details merkt sich niemand, vielleicht muss man die Szene auch ein zweites Mal
lesen, um sie zu verstehen, und das halten die Wenigsten durch. Dabei gibt es
tatsächlich Autoren, die diesen Stil konsequent durchziehen. Einigen mag das ganz
gut gelingen, die Infos so geschickt zu verpacken, dass man trotzdem weiterlesen
will, aber das können nur die Wenigsten. Baue am besten erst einmal eine Handlung
aus – und fange dann mit den Erklärungen an.

Wie schreibe ich dann einen guten Anfang?

Vielleicht sehen manche den Anfang eines Romans wie die Einleitung bei der Fach-
oder Bachelorarbeit und sind davon überzeugt, den Anfang erst am Schluss zu
schreiben. Für mich bedeutet der Anfang immer, dass ich auch die Figuren besser
kennenlerne und sehe, wie sie sich verhalten.
Die Leser wissen nicht, wie die Figuren wirklich sind und es wäre schade, schon am
Anfang der Geschichte ihre ganze Tiefe und all ihre Geheimnisse zu verraten. Zeige
deshalb nur einen kleinen Teil von den Figuren und fächere ihre verschiedenen
Facetten im Laufe der Geschichte immer weiter auf. Am besten schaffst du deshalb
eine Atmosphäre, die für deine Figur ungewöhnlich ist. Also fällt die Wecker-Szene
aus Prinzip schon einmal weg, schließlich steht jeder Mensch morgens auf – anders
wäre es, wenn es ein gaaaanz besonderer Tag (z.B. ein Umzug, der Morgen der
Hochzeit, etc.) wäre, vielleicht könnte man dann ausnahmsweise über die Wecker-
Szene hinwegsehen. Aber nur vielleicht.
Überlege dir etwas, das den normalen Tag deines Protas stört. Ist es eine seltsame
Begegnung auf der Straße? Fliegt deinem Prota womöglich eine Zeitung ins
Gesicht? Vielleicht ist deine Figur ja auch auf dem Weg, um Außerirdische von einer
Raumstation abzuholen. Was wäre, wenn deine Figur in einen Hinterhalt gerät und
direkt in ein Abenteuer geschleudert wird? Auf einmal findet sich dein Prota auf
einem Schiff der Rebellen wieder und wenn deine Figur überleben will, dann muss
sie handeln. Entschließt sie sich dazu, die Rebellen zu unterstützen oder wählt sie
den Tod? Und warum könnte gerade dein Prota noch nützlich für die Rebellen sein?
Vielleicht könnte der Anfang deiner Geschichte dann ja so aussehen:

Der Boden vibrierte unter ihren Füßen, als das Raumschiff dem Asphalt des
Landeplatzes immer näher kam. Durch Mias Adern rannte ein warmes Prasseln, das
ihre Hände mit einem dünnen Schweißfilm überzog. Sie sprang von einem Bein auf
das andere, während sie immer wieder auf ihre Armbanduhr starrte, die ihr Dad ihr
zum letzten Geburtstag geschenkt hatte. Bei dem Gedanken an ihn zog sich ihr Herz
schmerzend zusammen, aber die Aufregung vertrieb die kurzen Sekunden des
Kummers und ließ sie von einer Seite des sterilen Wartebereichs zur anderen
blicken.
»Jetzt mach dich mal locker«, hörte sie die Stimme ihres besten Freundes Nick zu
sich durchdringen, die sich mit dem Stimmengewirr der anderen Wartenden
vermischte. »Wenn der Brink dich so sehen könnte… und das um diese Uhrzeit!«
Bei der Anspielung auf ihren Chemielehrer verzog sie die Lippen nach unten.
»Ja, gut, dass der nicht hier ist. Man holt ja auch nicht jeden Tag eine außerirdische
Lebensform von der Raumstation ab, oder?«
Nick warf ihr nur einen amüsierten Blick zu und widmete sich dann wieder seinem
Sudoku, während Mias Bein unruhig auf und ab wippte. Durch ein kleines Fenster
konnte sie auf den Landeplatz sehen, der von den großen Scheinwerfern erleuchtet
und in blendend weißes Licht getaucht wurde. Wann kamen sie denn endlich?
Würden sie tatsächlich genauso aussehen wie Menschen? Oder besaßen sie
schlussendlich drei anstatt zwei Augen?
Endlich öffnete sich die Rampe des Raumschiffes, das zum Vergleich der normalen
Flugschiffe um einiges größer war.
»Da! Es ist so weit!« Aufgeregt zog sie an Nicks Strickjackenärmel. »Sie kommen,
sie kommen!«
Seufzend ließ Nick sein Sudoku-Heft auf den Stuhl neben sich fallen und richtete
seine Aufmerksamkeit auf die automatisch aufgehende Tür in Richtung des
Landeplatzes. Eine einzige Silhouette trat auf sie zu, groß und kastenförmig wie ein
Schrank. Das war bestimmt einer der Beauftragten, der die kleine Gruppe von
Flüchtlingen betreute und sie nun über den Stand der Dinge informieren wollte.
Aber als die Tür aufschwang, heftete sich Mias Blick auf keinen Tauben-ähnlichen
Orden, an dem jeder die Friedensbeauftragten erkennen konnte. Er heftete sich auf
die Waffe, die der Mann auf ein kleines Mädchen richtete, das am Boden mit seiner
Puppe spielte…

Wenn du also den Anfang deines Romans schreibst, zeige deinen Lesern nur einen
kleinen Teil deiner Figuren. Ihre ganze Lebensgeschichte und detaillierte
Vorstellungen zu beschreiben, wäre langweilig und erzeugt keine Spannung.
Versuche schon am Anfang, Spannung zu erzeugen, indem du schnell deine Figuren
aus ihrer Komfortzone lockst. Lass sie scheitern, mache ihnen Angst oder lass sie

den vielleicht schönsten Moment ihres Lebens genießen. Die Leser kennen die
Geschichte nicht, sie wissen nicht, wie sich der Plot entwickelt und zu den Figuren
sind sie anfangs eher distanziert. Du, als Autor, solltest deshalb alles daran setzen,
um deine Leser zu catchen, und das geht am besten mit Spannung.

Ich wünsche dir viel Spaß beim Ausprobieren.



Dieser Post im #sweekkeeperblog kommt von eurer SweekKeeperin Viktoria @ViktoriaChristians. Sie schreibt gerne Young Adult und Fantasy.

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