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    Takeover: Die Unterschiede der Ich-Erzählung und des übertriebenen Erklärens

    April 26, 2018

April 26, 2018

Takeover: Die Unterschiede der Ich-Erzählung und des übertriebenen Erklärens

Der Protagonist, der Erklärbär

Wir haben uns in den letzten Wochen schon einige wichtige Aspekte des Schreibens
angesehen. Zuletzt hat euch Viktoria etwas über den Weg des Protagonisten verraten, der
durchaus steinig sein kann. Geplottet habt ihr eure Geschichte jetzt also, oder vielleicht geht
ihr doch eher freier heran – das ist ganz euch überlassen. Doch etwas anderes ist auch
wichtig: Euer Protagonist geht seinen Weg in der Regel in seiner Welt – die kann sich von
eurer Welt und von der Welt des Lesers ganz schön unterscheiden. Doch wie macht man es
richtig, dem Leser die Welt näherzubringen, ohne den Protagonisten übertrieben viel
erklären zu lassen?

Der Erklärbär

Mein heutiges Thema ist definitiv nicht auf alle Bücher universell anwendbar, genauer
gesagt nur auf einen Erzählstil, der sich in vielen Romanen und insbesondere der
Jugendliteratur derzeit großer Beliebtheit erfreut: Die Ich-Erzählung.

Es geht also um einen Erzähler, der Teil der Geschichte ist und aus
seiner eigenen Perspektive erzählt, das heißt, er kann auch nur erzählen, was er selbst weiß,
der Rest sind Vermutungen (oder Lügen). Das ist eine Sache und soll weniger Teil dieses
Textes sein. Viel wichtiger ist: Wie erklären ‚ganz normale Personen‘, also auch Du und Ich,
die Welt, in der wir leben?

Ich mache euch das ‚Problem‘, das ich mit manchen Texten habe, einmal an einem ganz
einfachen Beispiel deutlich. Stellt euch vor, eine eurer Sweek-Bekanntschaften fragt euch in
einer privaten Nachricht, wo ihr eigentlich herkommt.

Ihr schreibt vielleicht:

“Ich wohne in Leipzig.”

Ihr schreibt (vermutlich, zumindest zunächst) nicht:

“Ich wohne in der kreisfreien Stadt Leipzig, die in den letzten Jahren auch manchmal Hypezig genannt
wurde. Das liegt daran, dass Leipzig eine der am größten wachsenden Städte in Deutschland ist und
insbesondere bei Studenten der letzte Schrei. Mittlerweile ist Leipzig die neuntgrößte Stadt in
Deutschland. Erstmals erwähnt wurde Leipzig schon 1015. Es gibt in Leipzig auch eine Straßenbahn.
Straßenbahnen nennen wir manchmal auch Trams. Sie sind schienengebundene öffentliche
Verkehrsmittel, die manche Leute gegenüber ihres eigenen Autos bevorzugen. In Leipzig werden die
Straßenbahnen elektrisch betrieben und sind…”

Herzlichen Glückwunsch, du hast gerade den Erklärbär kennengelernt.

Realistisches Erzählen

Ganz ehrlich, liebe Autoren: Eure Figur kennt ihre Welt höchstwahrscheinlich sehr, sehr gut.
Ebenso, wie der Protagonist und die anderen Figuren später in ihr Abenteuer geworfen werden, darf man ruhig auch den Leser ins kalte Wasser schmeißen. Ich persönlich bin großer Fan von Büchern und Geschichten, in denen ich die Welt lediglich über die normalen Aktionen und Interaktionen der Figuren kennenlerne – ohne, dass es extra Abschnitte gibt, die ausschließlich aus Erklärungen bestehen.

Ich habe mich beim Schreiben schon das eine oder andere Mal dabei erwischt, dass
Erklärungen sich hauptsächlich deshalb eingeschlichen haben, damit ich mir selbst die Welt
erklären konnte, weil ich noch nicht so vertraut damit war, nachdem ich ein neues Projekt
begonnen hatte (weil ich wirklich kein großer Freund des Vorab-Plottens bin, sondern
Outlines während des Schreibens entstehen).

Die große Preisfrage bleibt natürlich, wie man denn das Erzählen bei einer Ich-Erzählung
bzw. einem nicht-auktorialen Erzähler nun realistisch gestalten kann. Mal wieder: Ich finde,
es gibt kein Universalrezept. Aber es gibt einige Tipps und Kniffe, wie Erklärungen gut
verpackt werden können.

Merkt euch auf jeden Fall: Es ist unrealistisch, dass ihr einem Mitmenschen in einer
normalen Erklärung eine Kaffeemaschine, eine Armbanduhr oder ein Auto erklären würdet.
Ähnlich sieht das sicher auch euer Erzähler – selbstverständliche Dinge erklärt er nicht,
außer, er geht davon aus, dass er es erklären muss. Das findet dann doch sicher auch
Erwähnung, oder?

Stellt euch jetzt noch einen Jugendroman vor, in dem es am Anfang ein typisches Ereignis
gibt, das die Leben des Protagonisten und seiner Freunde verändern wird. Warum nicht eine
Rede implementieren, die die Welt der Jugendlichen und was ihre Aufgabe ist, noch einmal
darstellt. In einem anderen Zusammenhang könnte die Figur vielleicht einfach auch im
Unterricht sitzen.

Das geht nicht immer, aber selbstverständlich schleichen sich ja auch im ganz normalen
Erzählen und in alltäglichen Gedankengängen Erzählungen ein. Vergleicht mal:

“Ich habe schon von Gesellschaften gelesen, in denen Jugendliche mit 18 Jahren ihren Schulabschluss
machten und danach ganz frei entscheiden konnten, was sie mit ihrem Leben anstellen sollten. Bei
vielen Europäern war Australien ein beliebtes Ziel, um sich selbst zu finden. Wir dagegen werden zu
unserer Reise gezwungen, um uns selbst zu finden…”

… klingt viel natürlicher und persönlicher als:

“In der Verankerung von 2213 wurde die Reise als neuer Lebensabschnitt für alle Jugendlichen im
Alter von 17 Jahren bestimmt. Seitdem begeben sich alle 17-Jährigen auf eine Reise, um ihre
Bestimmung und einen Partner zu finden. Vor 2213 gab es eine solche Reise nicht, stattdessen
konnten junge Menschen selbst über ihren Beruf entscheiden und dazu sogar in andere Länder reisen.”

Wann erklären erlaubt ist

Mit anderen Erzählstilen ist übermäßiges Erzählen gar kein Problem – ein allwissender
Erzähler darf seine Erkenntnisse gern auch heraushängen lassen. Ich persönlich werde dann
zwar kein Fan der Geschichte, aber das ist ja ein ganz, ganz anderes Thema.

Mit ein paar Kniffen kann man aber übrigens auch bei einer Ich-Erzählung einen
erklärungswütigen Protagonisten rechtfertigen – zum einen vielleicht einfach, weil die Person einfach so ist. Das sollte man dann aber bitte auch in der Interaktion mit anderen Figuren und nicht nur dem Leser gegenüber merken.

Ein paar andere Kniffe gibt es auch. Vielleicht ist die Figur ja auch einfach zum Erklären
gezwungen:

Ganz ehrlich: Ich hab die Gerüchte und Fake News ein für alle Mal satt! Es kursieren so viele
Geschichten, was während unserer Reise angeblich passiert ist. ‚Was während der Reise passiert ist,
bleibt unter uns‘ – ja, ja, das war euer Lieblingsspruch! Also: Passt auf, ich erzähle euch jetzt ganz
genau, was wirklich passiert ist, um den Lügen ein Ende zu setzen. Mein Tagebuch hilft mir, mich zu
erinnern, sodass ich kein Detail auslasse.

Anderer Aspekt, wie zuvor schon einmal erwähnt: Vielleicht geht eure Figur ganz einfach
auch davon, dass sie dem Leser alles erklären muss, weil sie weiß, dass ihre Audienz die
Umstände nicht kennt. Auch das setzt allerdings voraus, dass die Figur weiß, dass sie es
jemandem erzählt, der die Erklärung braucht, und das sollte ebenso Erwähnung finden.

Noch ein Denkanstoß zum Abschluss: Paradoxerweise erklären Icherzähler immer am
meisten von ihrer eigenen Umgebung. Wovon erklärt ihr denn mehr? Wie Dinge in eurem
eigenen Land oder in eurer Heimat laufen oder vielleicht doch eher, wie es woanders, ggf.
im Ausland aussieht, wenn ihr mal dort wart und es anschließend Bekannten oder Freunden
erzählt?

Viel Spaß beim Schreiben!

 

Dieser Post im #sweekkeeperblog kommt von eurem SweekKeeper Manuel @Maneic. Er schreibt gerne Young Adult und verschiedene (Misch-)genres und war Finalist bei #MikroTanz.

Du hast die Ankündigung des SweekKeeper Takeovers verpasst? Schau hier vorbei, um einen Überblick über die Autoren und die Themen zu bekommen!

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